Reiches Kurs: Fossile Rückwärtsrolle im Zeitalter der Erneuerbaren

Deutschland hat 2024 eine historische Marke erreicht: Fast 60 % des Stroms stammen aus erneuerbaren Energien. Wind und Sonne tragen die Energiewende, sichern Wettbewerbsfähigkeit und machen unabhängiger von geopolitischen Risiken. Hierbei bleibt, nach wie vor die Einordnung der Erneuerbaren aus dem Bereich der direkten Generierung von Wärme noch weitestgehend unberücksichtigt.

Ökonomisch, ökologisch und strategisch ist klar: Der Ausbau der Erneuerbaren ist schon lange kein Experiment mehr, sondern die tragende Säule einer zukunftsfähigen Energieversorgung.

Umso irritierender ist der Kurs von Wirtschaftsministerin K. B. Reiche. Mit dem geplanten Ausbau von bis zu 20 GW neuer Gaskraftwerke setzt sie bewusst auf eine Technologie, die bereits heute klimapolitisch aus der Zeit gefallen ist. Gas gilt als „Brückentechnologie“ – doch jede neue fossile Infrastruktur verlängert die Brücke ins Nirgendwo. Methan, Hauptbestandteil von Erdgas, ist kurzfristig um ein Vielfaches klimaschädlicher als CO₂. Fachleute wie Claudia Kemfert (DIW) warnen seit Jahren: Wer jetzt in Gas investiert, verspielt das 1,5-Grad-Ziel und produziert teure fallende Vermögenswerte.

Reiches Politik ist damit doppelt riskant und fragwürdig: ökologisch, weil sie Emissionen zementiert, und ökonomisch, weil sie Unternehmen und Investoren verunsichert. Planungssicherheit entsteht nicht durch fossile Parallelstrategien, sondern durch klare Priorisierung für „eine Richtung“, in dem Fall für Erneuerbare (Strom & Wärme), Speicher, Wasserstoff und Netzmodernisierung. Jedes Abweichen von diesem Kurs ist ein Signal der Unsicherheit – und genau das bremst die Industrie.

Zusätzlich bleibt der bittere Beigeschmack: Reiche kommt selbst aus der Energiewirtschaft, hielt Aufsichtsratsposten und Unternehmensbeteiligungen und besitzt noch Unternehmensoptionen (Ingrid Capacity). NGOs wie LobbyControl sehen darin berechtigte Zweifel an ihrer Unabhängigkeit. Der Eindruck, dass fossile Interessen stärker wiegen als Klimaschutz und Gemeinwohl, gefährdet das Vertrauen in die Energiepolitische Ausrichtung eines Landes, mit Strahlkraft in der EU, insgesamt.

Fazit: Während die Energiewende längst ihre Tragfähigkeit beweist, wirkt Reiches fossiler Schwenk wie eine politische und eher persönlich motivierte Rückwärtsrolle. Er ist klimapolitisch falsch, ökonomisch riskant und industriepolitisch kurzsichtig. Deutschland braucht jetzt Klarheit – nicht eine Ministerin, die aus offensichtlich persönlichem Kalkül den Pfad der Erneuerbaren mit fossilen Nebenwegen verwässert. Und an dieser Stelle nicht zu vernachlässigen ist unsere Wirkung auf die weiteren Länder in der EU, die sehr wohl nach wie vor gen Deutschland schielen, um zu schauen welche Weichen wir stellen. Um den Klimawandel abzubremsen, braucht es Vorbilder in der realen Umsetzung der Energie- und Wärmewende. Die fehlorientierte Ausrichtung einer lobbyorientierten Wirtschaftministerin gibt uns hierbei eher der Lächerlichkeit preis.

(Stellungnahme von Andreas Wöll, Prof. h.c. Dipl.-Ing.(FH), Mitglied des Vorstandes der GRÜNEN des Wetteraukreises)

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