Hochwasser als grundlegende Zäsur und Chance zugleich

Das Hochwasser vom 29. Januar hat die vieljährigen Versäumnisse im Hochwasserschutz der Stadt und der Ortsteile brutal offengelegt. Es sollte endgültig die Augen geöffnet haben für die wirklich wichtigen Dinge in der Entwicklung einer Stadt. Der Schutz der Menschen steht zweifellos an vorderster Stelle.

Der Ruf nach Schuld, Verantwortlichkeit und Konsequenzen wird zu keinem überraschenden Ergebnis führen. Eigentlich ist niemand schuld, das kommt halt vor. Man kann es sich nur zu gut vorstellen.

Und natürlich ist die Frage der Schuld uninteressant, da es vor allem um die künftige Entwicklung im Hochwasserschutz in der Kernstadt und in den betroffenen Stadtteilen gehen sollte. Dabei sollten nach Auffassung der Grünen verschiedene Aspekte bedacht werden.

Zuerst steht die Sanierung der Hainmauer als zentraler Schutzachse für die historische Stadt an. Da es sich hier um eine Aufgabe von größtem allgemeinen Interesse handelt, sind private Sonderinteressen nachrangig. Für die Beibehaltung und Sanierung der Hainmauer wird kein neues Gutachten gebraucht, sondern die Bedeutung dieser Hochwasserschranke dürfte inzwischen jedem deutlich sein. Deshalb ist die Planung für Wiederherstellung und Verstärkung der Mauer auf ihrer Gesamtlänge unverzüglich anzugehen.  

Die Überlegung eines Regenrückhaltebeckens oberhalb des Hammers verdient differenzierte Betrachtung. Sein Zweck ist der Schutz der Kernstadt und die Entlastung des Düdelsheimer Beckens. Das geplante Fassungsvermögen von 1 000 000 m³ entspricht 1/5 des Stauraums des Düdelsheimer Beckens. Bei einer Mauerhöhe von 14 m würde das Tal oberhalb des Hammers bei Vollstau auf knapp 800 m Länge angestaut. Das Stauvolumen betrüge dann etwas mehr als 1 000 000 m³. Das ist nicht viel Puffer, um Hochwasserspitzen zu kappen.

Zur Hochwassersicherheit der Ortsteile, ausgenommen Düdelsheim, kann dieses Becken wenig beitragen. Nur an den Schutz der Kernstadt zu denken, verkürzt das Problem und ignoriert die berechtigten Interessen und Befürchtungen anderer Bereiche. Hochwasserschutz muss aber für alle gelten. 

Zugleich gilt es, Zuflüsse wie z.B. den Pferdsbach hinter dem Sandhofweiher, den Wolfsbach und den Reichenbach in Rinderbügen durch Rückhaltemulden zu verzögern, um Hochwasser schon im Entstehungsgebiet zu mindern. Gleiches gilt für den Seemenbach bei Nieder-Seemen / Kefenrod, dort sollte ebenso ein Rückhaltebecken entstehen. Das Wasser erst vor Büdingen zurückzuhalten, hat geringeren Effekt und vernachlässigt die genannten Ortsteile.

Grob Landschaftsverändernde Großprojekte passen nicht mehr in unsere Zeit. Landschaftsintegrierte Rückhaltemaßnahmen in Form mehrerer kleinerer Becken, die auch den großflächigen Schutz vor Hochwasser und zugleich die Neubildung von Grundwasser verbessern, könnten eine sinnvollere Lösung sein. Ob das mögliche Gegenargument der höheren Kosten zutrifft, sei dahingestellt. Die Grünen halten es für eine gute Idee, in dieser Richtung mehrere Möglichkeiten abzuwägen, bevor man an einer Lösung hängen bleibt, die vor vielen Jahren geboren wurde, aber heute den geänderten Anforderungen vielleicht nicht genügt, da zu viele Faktoren bei der damaligen Planung nicht genügend bedacht worden sind oder bedacht werden konnten.

Die neuen Hochwasser kommen nicht einmal im Jahrtausend, sondern treten zunehmend öfter und gravierender auf. Auf diese Dauergefahr müssen wir uns einstellen. Dazu sollte man von der falschen Gleichung „Hohe Mauer = hoher Schutz“ wegkommen. An welchen Standorten letztendlich Rückhaltebecken gebaut werden, ist unter den angeführten Gründen neu zu diskutieren. Der Schutz vieler Menschen muss Vorrang haben vor aktionistischem Verhalten.